Wie entsteht ein neues Fahrrad?

Beim BIKE Festival in Riva 2016 haben wir bereits unseren HTA Pinion Prototypen vorgestellt, der nicht umsonst für viel Aufsehen gesorgt hat. Jetzt ist das Fahrrad in Serie; bis dahin war es aber ein weiter Weg.

Von der Idee bis zur Serie

In der Fahrradbranche jagt eine Neuheit die nächste; innovationsgetrieben werden immer wieder neue Standards und Must-Haves vorgestellt. Gerade als kleiner Hersteller ist es da nicht immer einfach auf neue Trends zu reagieren, ohne gesichtslos mit dem Strom zu schwimmen. Jedes neue Modell erfordert nicht nur viel Schweiß und Blut, sondern auch das richtige Fingerspitzengefühl. Am Ende entscheidet der Kunde, ob auf das richtige Pferd gesetzt wurde.

Wie so oft entstehen große Ideen und noch größere Hirngespinste gerne bei ein oder zwei Bierchen. So wurde der Grundstein für das neue Drössiger Modell eigentlich schon 2013 gelegt, als man in lockerer Runde mit Vertretern von Pinion ins Gespräch kam. Aber wie wird aus einer abwegigen Idee ein serienreifes Fahrrad?

Von Ansätzen zum Umsetzen

Bei Drössiger arbeitet ein bunt gemischter Haufen von Bike-Verrückten, die alle unterschiedliche Vorstellungen davon haben, welche Features und Merkmale ein Fahrrad unbedingt haben sollte. Unser Produkt Manager (PM) hat die zugegebenermaßen undankbare Aufgabe, alle Interessen unter einen Hut bringen zu müssen; Ingenieure, Vetriebler, Marketing Manager und Firmeneigentümer – alle bringen unterschiedliche Ansätze mit ein. Der PM muss abschätzen und moderieren, ob eine Idee Bestand hat oder schnell unter den Teppich gekehrt werden sollte. In stetigem Austausch mit dem Ingenieur müssen außerdem die Weichen für die technische Umsetzung gestellt werden; die tollste Idee ist und bleibt leider wertlos, wenn sie nur auf dem Papier funktioniert.

Wer schon mal versucht hat sich mit seinem Partner auf einen Kino-Film zu einigen, der kann sich vorstellen, wie langwierig so ein Prozess sein kann. Noch kniffliger wird es, wenn die Modellplanung immer wieder von einer schnelllebigen Branche und neuen Trends beeinflusst wird; man möchte schließlich lieber zwei Schritte voraus sein, bevor der nächste Standard die getane Arbeit über den Haufen wirft.

Pinion? Voll 2013…

Verbaut man den Pinion-Antrieb in einem 29“ Hardtail, bedient man definitiv die Nische der Nische. Das Getriebe ist zwar nicht mehr aus dem Trekking-Bereich wegzudenken, bei Mountainbikes dennoch nur vereinzelt anzutreffen. Bei einer Gesamtübersetzung von 636%, gleichmäßig feinen Gangsprüngen und der einfachen Bedienung mag dieses Ungleichgewicht allerdings überraschen; wer den Pinion-Antrieb einmal gefahren ist, wird schnell zum Fan.

Aber wie schütteln Produkt Manager und Ingenieur das verstaubte „Pinion ist ja sowas von 2013“-Image ab? Die Grundlage hierfür ist ein eleganter Rahmen mit moderner Geometrie und vielen durchdachten Details. Was zunächst relativ simpel klingt, verursacht manches Kopfzerbrechen und unzählige Stunden vor dem Computer. Die romantische Vorstellung, dass Produkt Manager mehr Zeit auf dem Trail als am Schreibtisch verbringen, ist leider nicht ganz korrekt. Ein fester Bestandteil sind unendliche Excel Tabellen, technische Zeichnungen und umfangreiche Kalkulationen.

Von der Excel Tabelle zum Komplettrad

Bevor überhaupt an die Wahl der Komponenten zu denken ist, muss jedes noch so kleine Rahmendetail genauestens abgestimmt werden; wenn jeder Winkel, jede Zugführung und jede Schraube festgelegt ist, kann der Rahmen produziert werden. Die Prototypen müssen anschließend unzählige Torturen über sich ergehen lassen; unsere Rahmen sollen nämlich nicht nur die verpflichtenden EN-Normen erfüllen, sondern auch freiwillige Stress-Tests bei der EFBE bestehen.

Ist diese Hürde genommen, kann der Rahmen zum ersten Mal in einem Komplettrad verbaut werden. Das ist der Moment, wenn PM und Ingenieur die Luft anhalten. Werden alle Komponenten genau passen? Funktioniert das Rad am Ende so, wie man es sich vorgestellt hat? Beim unserem HTA Pinion wurden alle Erwartungen übertroffen und das Rad konnte 2016 beim BIKE Festival in Riva zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Ein wartungsarmes Hardtail mit 636% Gesamtübersetzung, das man sowohl als 29er als auch mit 650B+ Bereifung fahren kann, ausgestattet mit 120mm an der Front und einer 150mm Reverb für den aggressiven Traileinsatz – daran werden auch 2017 viele Kunden Freude haben. Die technische Grundlage für den Erfolg des Modells ist damit geschaffen und das Pinion Hardtail kann getrost in Serie gehen.

Jetzt wird der Ball zu unserem Marketing (also zu mir) gespielt; auch das schönste Fahrrad der Welt wird ein Ladenhüter bleiben, wenn niemand weiß, dass es überhaupt existiert. Also macht man sich Gedanken, wie das Fahrrad standesgemäß präsentiert werden kann, um zu zeigen, wie viel Schweiß und Tränen im neuen Modell stecken. Am Ende sollten dabei nicht nur schnöde Produktfotos entstehen; vielmehr möchte man das Modell in eine kurzweilige Geschichte verpacken und dem Kunden beim Lesen ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern.